Wenn Väter ihre Babys halten, beruhigen, wickeln und nähren – warum ihre Präsenz unverzichtbar ist
Neue Forschungsarbeiten zeigen mit wachsender Deutlichkeit, dass Väter nicht lediglich „unterstützen“, sondern eine eigenständige, tiefgreifende und nicht ersetzbare Rolle in der frühen Entwicklung ihrer Kinder haben. Die Relevanz dieser Erkenntnisse wird zusätzlich durch die Tatsache unterstrichen, dass die zugrunde liegende Untersuchung in Pediatric Research erschienen ist – einem angesehenen Fachjournal, das als offizielles Publikationsorgan führender pädiatrischer Forschungsgesellschaften gilt und in der wissenschaftlichen Gemeinschaft breite Anerkennung findet. Eine besonders umfassende Studie stammt aus der Japan Environment and Children’s Study (JECS) und liefert eindrucksvolle Hinweise darauf, wie bedeutsam väterliche Fürsorge bereits im Säuglingsalter ist. Die JECS stellt Japans größte Geburtskohorte dar, und die hier ausgewerteten mehr als 28000 Fälle ermöglichen eine außergewöhnlich belastbare Analyse dieses Zusammenhangs.
Link zur Studie: https://www.nature.com/articles/s41390-023-02723-x
Ergebnisse, die zum Nachdenken anregen
Die Studie analysierte Daten von mehr als 28 000 Kindern – eine der größten Geburtskohorten, die in diesem Zusammenhang untersucht wurde. Sie zeigt, dass Kinder im Alter von drei Jahren seltener Entwicklungsverzögerungen aufwiesen, wenn ihre Väter bereits mit sechs Monaten aktiv in die Säuglingspflege eingebunden waren. Dazu gehören grundlegende Tätigkeiten wie das Baby im Arm wiegen, es trösten, es füttern, es baden, es sanft in den Schlaf begleiten oder mit ihm erste spielerische Reize setzen. All diese frühen Interaktionen wirken sich auf motorische, kognitive und soziale Kompetenzen aus.
Bemerkenswert ist, dass dieser Effekt selbst dann bestehen blieb, nachdem zahlreiche Einflussfaktoren berücksichtigt wurden. Zugleich wurde deutlich, dass väterliches Engagement auch indirekt zu einer gesünderen kindlichen Entwicklung beiträgt: Wenn Väter Windeln wechseln, nächtliches Beruhigen übernehmen oder den Alltag des Säuglings aktiv mittragen, reduziert sich der Stress der Mütter spürbar – ein Faktor, der sich unmittelbar positiv auf die Entwicklung des Kindes auswirkt.
Der wachsende Blick auf väterliche Besonderheiten
In den letzten Jahren hat sich die Forschung zunehmend mit der eigenständigen Bedeutung von Vater-Kind-Interaktionen beschäftigt. Studien verdeutlichen, dass Väter häufig andere Qualitäten in die Betreuung einbringen: anregend, herausfordernd, spielerisch und zugleich feinfühlig. Wenn Väter ihre Babys sanft hochnehmen, ihnen erste Bewegungsimpulse vermitteln oder sie durch lebendige Mimik und Stimme stimulieren, entstehen besondere Lernmomente, die Selbstvertrauen und Neugier stärken.
Gerade in der sensiblen Zeit zwischen Geburt und Kleinkindalter, in der sich emotionale und kognitive Grundlagen rasch ausformen, wirkt väterliche Präsenz als stabilisierender und bereichernder Faktor. Väter ergänzen mütterliche Fürsorge nicht einfach, sondern erweitern sie auf eine Weise, die in ihrer Wirkung einzigartig bleibt.
Strukturelle Benachteiligung von Kindern getrennter Eltern in Österreich und die Notwendigkeit einer wissenschaftlich orientierten Weiterbildung für Richter:innen und Sozialfachkräfte
Besonders problematisch ist, dass Kinder getrennter Eltern im österreichischen Rechtssystem faktisch benachteiligt werden, da ihre Bedürfnisse nach stabiler und kontinuierlicher väterlicher Zuwendung im frühen Lebensalter weitgehend unbeachtet bleiben. Zwar erkennt der OGH das Recht des Kindes auf frühen und regelmäßigen Kontakt zum Vater in seiner Entscheidung vom September 2025 (3Ob91/25s) ausdrücklich an, doch zeigt die praktische Umsetzung ein völlig anderes Bild. Im genannten Fall erhielt ein Säugling lediglich dreißig Minuten bis eine Stunde wöchentlichen Kontakt, zudem unter Aufsicht in einer Besuchsbegleitungsstelle – eine Konstellation, die den entwicklungspsychologischen Anforderungen der sensiblen frühen Bindungsphase und der sich rasch entwickelnden soziokognitiven Entwicklung in keiner Weise gerecht wird. Die zentrale Problematik besteht darin, dass das österreichische Recht faktisch zwischen Kindern getrennt lebender und Kindern zusammenlebender Eltern unterscheidet und damit strukturelle Ungleichheiten schafft. Ein wesentlicher Grund dafür liegt im unzureichenden wissenschaftlichen Verständnis vieler Richterinnen und Richter sowie der beteiligten Fachkräfte der Familiengerichtshilfe, die häufig irrig annehmen, ein bis zwei Stunden wöchentlicher Kontakt in den ersten Lebensjahren würden genügen. Diese Fehleinschätzung widerspricht klar der aktuellen Forschung und führt zu systematischen Versäumnissen gegenüber den grundlegenden Bedürfnissen des Kindes. Neben überfälligen Reformen des Familienrechts besteht daher ein dringender Bedarf an einer fundierten, wissenschaftlich orientierten Weiterbildung der juristischen und sozialpädagogischen Entscheidungsträger, um das vom OGH anerkannte Recht des Kindes auch tatsächlich wirksam umzusetzen.
Was dies für Gesellschaft und Politik bedeutet
Die neuen Erkenntnisse verlangen ein Umdenken. Vaterschaft sollte nicht länger als optionales Element betrachtet werden, sondern als unverzichtbarer Bestandteil gesunder frühkindlicher Entwicklung. Entscheidungen zu Elternzeit, Arbeitsorganisation und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betreffen damit nicht nur Erwachsene, sondern greifen unmittelbar in die Entwicklungsdynamik von Kindern ein. Je mehr Raum Väter erhalten, sich früh und aktiv einzubringen – ihr Baby zu halten, zu stillenähnliche Versorgungsformen auszuführen, zu beruhigen, zu trösten, zu pflegen –, desto stärker profitieren Kinder und letztlich die gesamte Gesellschaft. Forschung zeigt zunehmend: Ein Kind braucht nicht nur zwei betreuende Hände, sondern die unterschiedlichen Qualitäten beider Elternteile. Väter sind dabei nicht ersetzbar, sondern prägen den Entwicklungsweg ihrer Kinder auf unverwechselbare Weise.
Gleichzeitig betonen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Kinder ihre Väter von der ersten Minute an benötigen. Gerade die ersten Tage und Wochen bilden ein unwiederbringliches Zeitfenster, in dem Nähe, Hautkontakt, tägliches Beruhigen, gemeinsames Einschlafen und frühe Vertrautheit entscheidende Grundlagen schaffen. Deshalb dürfen rechtliche Rahmenbedingungen den Zugang zwischen Vater und Kind nicht erschweren. Auch wenn Eltern getrennt sind, sollte ein Neugeborenes seinen Vater bereits in der ersten Lebenswoche regelmäßig erleben dürfen. Die Realität langwieriger rechtlicher Verfahren in Österreich – Verfahren, die sich über Monate oder Jahre ziehen und die frühe, tägliche Interaktion verhindern – steht im klaren Widerspruch zur wissenschaftlichen Evidenz. Eine grundlegende Modernisierung des Familienrechts ist notwendig, um sicherzustellen, dass Kinder die Fürsorge ihrer Väter unmittelbar erfahren können, von Geburt an und ohne strukturelle Hürden.
Originalquelle:
Kato, T., Fujii, M., Kanatani, K. et al. Paternal involvement in infant care and developmental milestone outcomes at age 3 years: the Japan Environment and Children’s Study (JECS). Pediatr Res 95, 785–791 (2024). https://doi.org/10.1038/s41390-023-02723-x
